uvislogo6-150x70.gif (1845 Byte) W-HG-JB - Begleitwort UVIS - Verlag

 

Uvis Verlag Website    -  Buch-Sortiment   -  HG-Wellness   -  Alt werden ohne alt zu sein   -   W-HG-JB - Begleitwort

 

W-HG-JB-Begleitwort-Bild-Spaeth-1.jpg (134702 Byte)

Bernd Späth, Jahrgang 1950, 
erreichte 1983 als erster Deutscher
die Nordspitze der Eismeerinsel Spitzenbergen
über das Inlandeis.

 

Als Chef einer Werbeagentur lebte er
dreißig Jahre in Bonn und betreute u.a.
die Bundesregierung und die EU, bis er 2004
zurückzog in seine bayrische Heimat.

 

Begleitwort

Das Unvermeidliche schöner machen

Oh ja, ich erinnere mich: Alte waren ein seltsam verformter Menschenkrempel, denen wir Jungen mit - wie wir fanden - unangemessener Nachsicht begegneten, ohne dass es etwas geholfen hätte. Sie blieben nämlich trotzdem alt. Das nervte oft, aber es hatte auch seine Vorteile. Besonders dann, wenn wir sie mit unserem Übermut provozierten oder ihnen Streiche spielten, denn zustandsbedingt kamen sie uns dann nicht hinterher. Dies verhalf uns zu beträchtlicher Überlegenheit: sie hatten das Wissen und die Macht, wir die Luft und die Schnelligkeit. Die Sieger waren also vorprogrammiert.

Nicht ohne Ausdruck tiefer Reue erinnere ich mich eines mir wegen seiner ewigen Unleidlichkeit verhassten Nachbarn, den ich als Zwölfjähriger in seinem liebevoll gepflegten Garten beim Schnecken-Aufsammeln beobachtete. Mit einer Gründlichkeit, die sofort meinen Übermut erweckte, wühlte er sich zwischen den sorgfältig gezogenen Reihen aus Wirsing, Kopfsalat, Kartoffeln, Kohlrabi und Erdbeeren hindurch, wobei er unter regelmäßigen Bezeugungen seines gärtnerischen Missmuts beträchtliche Mengen behauster Schnecken in einen Blecheimer warf, während er die omnipräsenten braunen Nacktschnecken - Zwack! - mit der Gartenschere gnadenlos ins Jenseits beförderte, wo sie unverzüglich in zwei Hälften eintrafen. Als er nach zwei Stunden ächzend seinen Rücken streckte, seine Gartengeräte verstaute, sich keuchend über seinen Bauch hinweg aus den Gummistiefeln arbeitete, die blaue Schürze ablegte, die Tür des Gartenhäuschens verrammelte und sein kleingärtnerisches Veredelungswerk voller Zufriedenheit beäugte, da schlich ich seitlich an den Zaun und schüttete ihm dreihundert Schnecken in den Garten, die ich zwischenzeitlich auf einer benachbarten Feuchtwiese eingesammelt hatte.

Den zwei Jahre jüngeren Amberger Sepperl hatte ich für diese Aufgabe zwangsrekrutiert, und er war ihr mit Begeisterung nachgekommen. Die Flüche und Verwünschungen des alten Herrn, eines gewissen Willinger, der zwei Jahre später verbittert starb, müssen von seinem Garten bis nach Wladiwostok zu hören gewesen sein. Er schoss - respektive, er humpelte keuchend - an den Zaun, um uns in gebotener Schärfe auf das Frevelhafte unseres Tuns hinzuweisen. Wir zischten davon und drehten ihm eine lange Nase.

Die Fehlerhaftigkeit unseres strategischen Konzepts erwies sich am nächsten Tag, als sich herausstellte, dass der Willinger sich trotz defekter Gelenke und unüberhörbarer Schweratmigkeit langsam, aber zielstrebig zum Laden meiner Eltern vorgearbeitet hatte, wo er die Verworfenheit meines Charakters sowie die Mangelhaftigkeit meiner bisherigen Erziehung rotköpfig und mit Worten von ausgewählter Heftigkeit darzulegen wusste. Der elterliche Hagelschlag, der mich daraufhin heimsuchte, trug in erheblichem Maße dazu bei, dass ich bis zum heutigen Tage die Begegnung mit Schnecken möglichst zu vermeiden trachte. Dem Amberger Sepperl übrigens passierte gar nichts, da er sich seinem Vater gegenüber auf Befehlsnotstand berief. Tempora mutantur et nos mutamur in illis.

Ein himmelschreiender Energieüberschuss, gepaart mit generationstypischer Ahnungslosigkeit, verführt einen in jüngeren Jahren zu der Annahme, Alter sei stets etwas für Andere. Dies umso mehr, als der gesamte bisherige Lebensverlauf den überzeugenden Beweis für die Annahme zu bieten scheint, man selbst stehe außerhalb der evolutionären Gesetzmäßigkeiten, und dies völlig zu Recht.

Erste graue Einfärbungen des Haupthaars, - die im vorliegenden Werke mit bestechender Nüchternheit erklärt werden – werden narzisstisch interpretiert und von einer nicht minder kurzsichtigen Weiblichkeit als „interessant“ belobigt. Dabei bedeuten sie nichts weniger als den absehbaren Eintritt von Rückenbeschwerden, Morgensteifigkeit nach dem Aufstehen, eingeklemmten Bandscheiben, Herzrhythmusstörungen, entgleisenden Schilddrüsen, Zunahme des nächtlichen Harndrangs, ausgesprochen ärgerlicher Vergesslichkeit und einer ersten Gesamtmanifestation etwa dergestalt, dass man bei heftigem Schneetreiben im T-Shirt zum Altpapier-Container geht, ohne hierfür den Wohnungsschlüssel eingesteckt zu haben, an dem auch die Schlüssel für alle weiteren Zufluchtsorte hängen (Tiefgarage, PKW, Keller, Heizungsraum, etc.).

Auch die Erfahrung, man habe sich völlig normal ins Auto gesetzt, komme nun aber aus unerfindlichen Gründen und wegen eines vom Sakrum bis zum Hinterkopf ziehenden Schmerzes nicht mehr heraus, verstärkt diese in ihrer Erstmaligkeit ziemlich bestürzende Gefühlswahrnehmung. Zieht man nun noch in Betracht, dass ein vermeintlich berechtigter Zornausbruch gegenüber jüngeren Mitgliedern der Lebensgemeinschaft, sie sollten endlich aufhören zu murmeln und zu nuscheln, von diesen mit der kühlen Ermutigung zum käuflichen Erwerb einer Hörhilfe gekontert wird, so stellt sich spätestens an diesem Punkte des Erlebnishorizonts die knickende Erkenntnis ein, dass Erik Miller, der Verfasser dieses bemerkenswerten Buches, nicht ins Blaue hinein theoretisiert hat. Sondern mitten ins Leben der Betroffenen. Wir haben das Marschticket aus der zweiten Hälfte hinaus erhalten, wobei wir nicht wissen, wann und wo der Ausgang auftauchen wird. Bisweilen rauscht man auch von einem Moment zum anderen durch eine verborgene Falltür.

Trotz allem, der Gedanke an den Tod schreckt mich nicht mehr sonderlich. Im Verlauf meiner ziemlich bewegten Jahre habe ich Situationen und Erfahrungen von Todesnähe gesammelt wie andere Leute Kunstwerke, Oldtimer oder meinetwegen auch Fabriken oder Grundstücke. Die Tatsache dass ist banal. Aber der Gedanke an das Wie, - ich gebe zu, der stinkt mir. Die Meisten von uns, so sie nicht von besonderen religiösen Motiven geprägt sind, werden sich nur schwerlich an die Vorstellung eines altersgemäßen Abbaus bis hin zu Demenz und Siechtum gewöhnen können. Die Empfehlungen von Psychologen, die entstehenden Defizite psychisch zu „integrieren“ schmecken seltsam säuerlich, auch wenn sie gut gemeint sind. Mediendarstellungen prominenter Zeitgenossen, die vom Machtmenschen oder Publikumsliebling zum verwirrten Pflegefall abgestürzt sind, machen einem auch nicht gerade Mut. Und auch das Beispiel des großen Polen Johannes Paul II., der seinen körperlichen Verfall mit bewunderungswürdiger Offenheit lebte, weckt zwar Respekt, ermutigt gleichwohl nicht zur Nachahmung. Was bleibt, sind Ratlosigkeit, Demut, Fatalismus, sinnlose Auflehnung und am Ende die Diskussion darüber, ob der unerwartete Herztod eines 61jährigen nun für ihn Segen war oder Fluch. Alles nicht wirklich so, dass man daraus Zuversicht für sich selber ableiten könnte.

Gerade hier aber liegt die beträchtliche Stärke des Buches: es ist ein in jeder Weise diesseitiges Werk. Sein Zweck ist also nicht die Verbesserung der Welt oder eine irgendwie geartete Heilsbringung, wie man sie leider nur allzu oft in schlecht geschriebenen Ratgebern findet. Erik Miller bleibt Mediziner und Naturwissenschaftler, und letztlich erklärt er den Menschen aus sich selbst heraus: „Man was matter“ schreibt Josef Heller in seinem berühmten Bestseller „Catch 22“, der Mensch ist Materie. Und diese verhält sich folgerichtig, in welcher Form und Weise auch immer sie auftritt. Miller folglich spintisiert nicht, sondern arbeitet sich an den Grundregeln und Intentionen der Evolution entlang, und dies mit beeindruckender wissenschaftlicher Tiefe.
Und, auch wenn es den Einen oder Anderen schmerzen mag, was spricht dagegen den Menschen und seine körperlich-seelischen Prozesse als Produkt seiner hormonellen Abläufe zu verstehen? Hat man diesen Gedanken erst einmal verinnerlicht, dann gewinnen Millers Überlegungen etwas Bestechendes: wenn der Körper Entwicklung und Wachstum des Menschen durch Hormone steuert, warum sollte man sich deren Wirkung nicht zunutze machen, sobald das Sinken der Hormonspiegel den Menschen wegzudrehen beginnt vom Werden zum Vergehen? Konsequent zu Ende gedacht hat seine These etwas Revolutionäres und wirft vertraute Gewissheiten über den Haufen. Doch war es je anders, wenn etablierte Gedankengebäude eingerissen wurden? Die Grundidee ist also einfach: sinkende Spiegel der menschlichen Fortpflanzungshormone leiten den Alterungsprozess ein, in dessen Folge sich erst Beschwerden und dann Krankheiten einstellen. Die Substitution der fehlenden Substanzen vermag diesen Prozess zwar nicht umzukehren, wohl aber ihn zu bremsen und im Optimalfall sogar für einige Zeit aufzuhalten.

Das ist, in der Tat, eine hammerharte Aussage, die unser bisher restriktives Verständnis jeglicher hormoneller Behandlung außerhalb der Schwangerschaftsverhütung auf den Prüfstand stellt. Sie soll hier weder bejubelt noch allgemein empfohlen werden. Der Diskussion würdig allerdings ist sie allemal, gerade weil sie einen erst einmal instinktiv erschrecken lässt. Millers medizinisch-biologisches Faktenwissen ist beeindruckend, seine Fähigkeit Tausende von Details in ein Gesamtkonzept zu integrieren, verschafft Klarheit, wo vorher bestenfalls nur Ahnung war. Doch das ist nicht alles: beim genauen Lesen merkt man, dass seine Ausführungen nicht von Interessen geprägt sind. Denn er hat nichts zu verkaufen, - weder Pharmaprodukte noch Dienstleistungen noch etwa eine Weltanschauung. Vielmehr spürt man das ehrliche Bemühen des Arztes eine Diskussion zu initiieren, an deren Ende nur die Hilfe für den Menschen stehen kann.

Eigentlich habe ich noch nie zuvor ein Sachbuch gelesen, das - weit über das eigentliche Thema hinaus - eine so komplexe und zugleich so verständliche Gesamtschau auf das bietet, was wir als Menschsein verstehen.

Bernd Späth

.
Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Zur Startseite Was ist neu? Zum Feedback Zum Forum e:Mail Copyright - 2005-2013 Jürgen Arnold
UVIS Beratung GmbH - Ulm/Burgrieden